GIB GAS – ICH WILL SPASS (Hanging Out)

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Bundesrepublik Deutschland 1982
Regie: Wolfgang Büld
Drehbuch: Georg Seitz
Produzent: Peter Zenk
Kamera: Heinz Hölscher
Musik: Nena, Markus, Extrabreit, Morgenrot
Darsteller: Gabriele Kerner, Markus Mörl, Endrick Gerber, Karl Dall
86 min

NDWsploitation als Schlagerfilm getarnt

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Es ist zwar möglich, Arthousefilme ohne Exploitationgehalt zu finden, der umgekehrte Fall gestaltet sich aber ungleich schwieriger. Denn selbst der schlimmste Exploitation-Heuler kann noch einen, wenn auch manchmal ungewollten, Kunstfaktor enthalten. Deshalb bin ich froh, hier endlich einmal ein Exploitationmachwerk erster Güte vorstellen zu können, und das ganz ohne Titten zeigen oder Gedärme rausreißen. Und dafür sorgte eigentlich die Band Trio. GIB GAS – ICH WILL SPASS sollte ursprünglich eine ambitionierte Paukerfilm-Parodie mit Trio in der Hauptrolle werden, doch als sich die Ereignisse um NDW überschlugen und Trio eine Platte aufnehmen musste, stand das Projekt ohne Hauptdarsteller da. Sommer 1982 wars und nach einem halben Jahr Pre-Production musste jetzt gedreht werden, da zeitgleich Nenas „Nur geträumt“ gerade alle Charts sprengte. Nena war schon als Nebendarstellerin Anfang 1982 gecastet worden, als ihre Single noch im dreistelligen Bereich rumdümpelte und sie noch in Jim Raketes Büro jobbte. Doch ihr legendärer Musikladen-Auftritt änderte das schlagartig, sodass das Drehbuch von GIB GAS – ICH WILL SPASS auf einen Schlagerfilm mit Nena und Markus umgemünzt wurde, wenn man da überhaupt von einem Drehbuch sprechen konnte. Denn das wurde wirklich von einem Drehtag zum anderen geschrieben und dazwischen flog Nena noch zu den Plattenaufnahmen ihres ersten Longplayers zwischen Berlin und den Dreharbeiten im Münchener Raum hin und her. Was für das Drehbuch galt, galt übrigens auch für die Songs: Die wurden geschrieben, aufgenommen und direkt in den Film gepackt.

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Gabriele Susanne Kerner spielt Tina, die ihrem Autoscooter-Rammler Tino hinterherfährt. Markus Mörl spielt Robby, der so blöd ist, sie zu fahren. Am Ende verlieben sich nicht Tina und Tino.
Im Herbst 1982 wurde sechs Wochen gedreht, schon im Februar 1983 ratterte das 35mm-Verbrechen durch alle deutschen Kinos, d.h. der Film kam direkt nach Nenas zweiter Single „99 Luftballons“ raus. Ein Meilenstein an Zeitgeist-Produktions-Symbiose! Nur sieht man das dem Film eben leider an. Die Regie ließ die Darsteller einfach anwesend sein. Zu allem Überfluss hatte Gaststar Karl Dall auch noch eine Vertragsklausel, die ihm erlaubte, seine Gags selbst zu schreiben. Es ist eigentlich in 90 Filmminuten nicht zu bewerkstelligen, bei zig Szenen keine einzige Einstellung zu drehen, die auch nur im Ansatz für die Nachwelt wichtig wäre. Das ist so unglaublich lieblos hingerotzt, dass es schon wieder Freude macht. Und ich habe das ja wie 1,5 Millionen andere auch mit meinem hart ersparten Taschengeld mit fünf Mark bezahlt. Wieder einige Leberkäsesemmeln weniger im Magen, aber dafür NDW-Geträller im Hirn! Und gefreut hab ich mich. Nena war toll, nur dieser Markus war unwürdig, weil ich und 1,4 Millionen andere doch viel toller waren! Ach, die Lieder waren aber schön, die Singles mussten ran und bei Formel Eins wurde auf die Veröffentlichung von „Kleine Taschenlampe Brenn“ hingefiebert! Alles richtig gemacht, Herr Produzent! Und wer dachte, dass das schon der Bodensatz der Unterhaltung wäre, wurde mit PLEM, PLEM – DIE SCHULE BRENNT eines besseren belehrt: Im Vergleich dazu kratzten die Super-8-Filme der Geburtstagsfeste meiner Schulkameraden fast am Perfektionismus eines Kubrick. Aber das ist eine andere Geschichte. GIB GAS – ICH WILL SPASS ist schon ganz arg fiese NDWsploitation, wie sie idealer nicht sein könnte. Dafür gibts die eigentlich unmögliche 100% Exploitation – 0% Arthouse-Gewichtung, wobei das nicht ganz stimmt: Ich kann mich dunkel an eine Sternchen-Überblendung bei einer Kuss-Szene erinnern, was ja als Ansatz von Kunstanspruch gewertet werden könnte, also eher 99,8% zu 0,2%, aber das fällt ja unter Aufrunden.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 0:100

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
Letztes Jahr in Marienbad (Alain Resnais)
Berlin Alexanderplatz (Rainer Werner Fassbinder)
Ostwind (Jean-Luc Godard)
mochten.

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