DAS HAUS UNTER DEM STERNENHIMMEL (Dom pod zvyozdnim nebom)

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Sowjetunion 1991
Regie, Drehbuch: Sergei Solowjow
Produzent: Mosfilm
Kamera: Yuri Klimenko
Musik: Boris Grebenschtschikow
Darsteller: Michail Ulyanow, Alla Parfanyak, Alexandra Turgan, Dimitri Solowjow
114 min

Solowjows Perestroika-Trilogie Teil 3: Groteske Exzesse

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Mit der bitterbösen Groteske DAS HAUS UNTER DEM STERNENHIMMEL schloss Sergei Solowjow seine Perestroika-Trilogie ab.
Die Familie Bashkirtsew muss in den Umbruchzeiten wenig Sorgen mit der restlichen russischen Bevölkerung teilen. Vater Andrei hat es als Wissenschaftler zu internationalem Ruhm gebracht und jettet zwischen New York und Russland hin und her. Dank alter Seilschaften lebt die Familie im Mutterland ganz mondän in einer putzigen Waldvilla. Als Papa mal wieder aus den USA zurückkommt, begrüßen ihn gleich ein paar weniger gut gestellte Kumpel aus der Nachbarschaft und bringen einen Marschflugkörper zum Verscherbeln mit (den ganzen Bomber hätten sie auch stehlen können, doch da befürchteten sie, dass er ihn nicht abkaufen würde). Am nächsten Tag gibt es ein Gartenfest, unter deren Gäste sich anscheinend der Teufel selbst eingeschlichen hat. Zuerst zersägt er die älteste Tochter des Wissenschaftlers bei einem Zaubertrick in zwei Teile, baut sie aber nicht mehr zusammen. Der Tochter-Torso muss jetzt sein Dasein auf einer Kommode fristen, während der Unterkörper ziellos durch den Garten irrt. Als der Schuldige an ein Motorrad gebunden der Polizei übergeben werden soll, forciert er einen Unfall, der den Fahrer köpft. Er selbst übergießt sich mit Benzin und läuft brennend zum Haus der Familie zurück. Alle Anwesenden außer Torso-Tochter rücken sofort zum Unfallort aus, eine ideale Gelegenheit für den Deibel, der Bourgeoise alle Juwelen aus dem Haus zu stehlen und sich sprichwörtlich, wie es sich für einen guten Satan gehört, in Luft aufzulösen. Zu allem Übel ist auch noch eine Spezialeinheit der Regierung hinter Andrei her, weil sie die Meinung vertreten, dass er anscheinend den sowjetischen Geist mit Füßen tritt: Sie entführen, foltern und ermorden ihn.
Als die Sowjetunion komplett kollabiert und ein Bürgerkrieg zu befürchten ist, wandert die restliche Familie nach Amerika aus. Nur die jüngste Tochter bleibt zurück, zum einen, weil sie sich verliebt hat, zum anderen, weil sie auf die Rückkehr des Teufels wartet, der auch bald erscheint. Es kommt zu Partisanenkämpfen mit der Spezialeinheit, die auch Andrei auf dem Gewissen hat. Der Kampf ist aussichtslos, da der Teufel als Anführer nach jeder Ermordung wiederkommt. Schließlich flieht das Mädchen mit ihrer Jugendliebe mit einem Ballon in eine bessere Zukunft.

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YESSS, hier ist einiges an filmischem Wahnsinn geboten. Dagegen ist Lindsay Andersons BRITANNIA HOSPITAL (witzigerweise auch das Ende einer Trilogie mit ähnlichen Gewalteskapaden und traurigerweise ein ähnlicher Flop) ein Kindergeburtstag. Die bizarrsten Momente von Gogol und vor allem Bulgakows „Meister und Margarita“ lassen mehrfach grüßen. Mit dem Zuschauer wird mittels expliziter Bilder nicht zimperlich umgegangen, der Splatterfilm scheint auch in Russlands Trivialkultur und im SozArt-Ramsch-Universum eines Solowjow angekommen zu sein. Dass das Nonplusultra der ehemaligen Sowjetbürger die USA zu sein scheint und wie tief die Kapitalismus-Darbung sitzt, zeigt die in New York gedrehte Anfangssequenz, als Andrei dort in der U-Bahn von einem Transvestiten extremst verbissen verfolgt wird: Andrei hat das Gelobte Land erreicht, mit all seinen Schattenseiten, aber es bleibt trotzdem das Gelobte Land. Das Filmende andererseits ist zwar schön idealistisch, aber irgendwie doch nur Träumerle-Hippiekäs, denn in welcher besseren Welt sollen unsere Nachwuchs-Liebenden landen? Aber so war das damals, da gab es doch ein paar Menschen mit Hoffnung. Die Ernüchterung folgte spätestens im Epilog namens ASSA 2.
Solowjow gleicht jedenfalls das Manko des Vorgängers DIE SCHWARZE ROSE IST DAS EMBLEM DES BEDAUERNS, DIE ROTE ROSE DAS EMBLEM DER LIEBE hier wieder aus. Dort hatte er absurden Verbalhumor mit ein bisschen Musik verbunden und somit ein überlanges Hörspiel geschaffen, dabei aber die Bilder vergessen. Hier besann sich der Soz-Pop-Art-Eklektiker Solowjow wieder auf seine Stärke, seine Kritik an der russischen Intelligenzija zu einem visuellen Erlebnis zu machen. Ein wohlverdienter Höhepunkt in seinem Kino des absurden Kitsches, das er schon mit WILD PIGEON (1986) und erst recht mit seinen ersten beiden „Liedern über das Mutterland“ erprobt hatte. Dem Publikum war das leider egal, sie hatten 1991 viel konkretere Sorgen, als sich seine Spinnereien anzusehen.
DAS HAUS UNTER DEM STERNENHIMMEL ist ein sehr kurzweiliger filmischer Rundumschlag, der durchaus das Zeug zum Kultfilm hat – wenn das Publikum nicht gerade die Bildung zu Hause gelassen hat. Denn generell ist der Film viel tiefgründiger, als es obige Zusammenfassung vermuten lässt: Das gesamte Spektrum der Allegorien ist wohl nur für einen gebildeten Russen mit einem Sinn für schrägen Humor verständlich, egal, auch ich habe mich prächtig amüsiert.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ASSA (Sergei Solowjow)
DIE SCHWARZE ROSE IST DAS EMBLEM DES BEDAUERNS, DIE ROTE ROSE DAS EMBLEM DER LIEBE (Sergei Solowjow)
ASSA 2 (Sergei Solowjow)
mochten.

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