THIS TRANSIENT LIFE (Mujo)

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Japan 1970
Regie: Akio Jissoji
Produzent: Toyoaki Dan
Drehbuch: Toshiro Ishido
Kamera:Yuzo Inagaki, Masao Nakabori, Kazumi Oneda
Musik: Toru Fuyuki
Darsteller: Kotobuki Hananomoto, Akiji Kobayashi, Eiji Okada, Kin Sugai
143 min

Jissojis Buddhismus-Trilogie Teil 1: Kunst und Inzest

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Im Gegensatz zu manch anderen Ländern genießen im japanischen Filmbetrieb diejenigen Regisseure das höchste Ansehen, die ein möglichst vielseitiges Genre-Spektrum abdecken. Akio Jissoji begann seine Karriere mit der Science-Fiction-Serie ULTRAMAN, gefolgt von experimentellen Spielfilmen bei der atg. Danach drehte er pinke und erotische Filme sowie einige Edogawa-Rampo-Adaptionen und nebenbei immer wieder konventionelle Fernseharbeiten.
1969 gründete er seine eigene Produktionsfirma und inszenierte nach einem Drehbuch seines Freundes Nagisa Oshima das 43-minütige Planspiel WHEN TWILIGHT DRAWS NEAR, das zusammen mit Oshimas THE MAN WHO LEFT HIS WILL ON FILM von atg verliehen wurde: Vier gelangweilte Sudenten entschließen sich zu einer Mutprobe, als eine Gasleitung in ihrer Wohnung leckt. Da sie in ihren Augen „in einer so elenden Zeit leben, dass sie bisher noch nicht die Grenzen des Menschseins erlernen konnten“, wollen sie testen, wer es am längsten im Gas aushält.
Jissoji bekam danach von der atg die Chance seinen ersten Langfilm zu inszenieren: THIS TRANSIENT LIFE. Der japanische Originaltitel Mujo ist das Bewusstsein, dass nichts von Dauer, sondern alles einem Fluss der Vergänglichkeit unterworfen ist.
Masao und Yuri, Sohn und Tochter einer wohlhabenden Familie in Kyoto, verlieben sich ineinander. Da der Vater die Tochter zu einer Heirat drängt, gibt sie nach und heiratet den Studenten Iwashita, aber nur, weil die Inzestbeziehung zu ihrem Bruder droht, öffentlich zu werden. Masao zieht aus und beginnt eine Ausbildung bei einem buddhistischen Bildhauer. Dort bringt er dessen Sexualleben und das seiner Frau durcheinander. Weil er sich immer wieder mit seiner Schwester trifft, folgt das Unvermeidbare: Bei einem Schäferstündchen mit ihr werden sie von Iwashita beobachtet, der daraus seine Konsequenzen zieht.

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Jissoji, der einer buddhistischen Priesterfamilie entstammte, ließ schon bei seinen ULTRAMAN-Folgen seine religiösen Ansichten durchblitzen und genau wie bei Dreyer oder Bresson immer christliche Motive auftauchten, zog sich sein Glauben durch sein gesamtes filmisches Schaffen. Am explizitesten in der sog. Buddhismus-Trilogie, die streng genommen schon mit WHEN TWILIGHT DRAWS NEAR begann. Während Kollegen wie Oshima oder Wakamatsu lediglich eine bessere, sozialere Welt anstrebten, dachte Jissoji schon weiter. Er träumte vom idealen Menschen, und diesen glaubte er in der buddhistischen Weltanschauung am ehesten vorzufinden. In Jissojis Augen erreicht der vollkommene Mensch den Augenblick wahrer Religion, nachdem er moralische Werte bewusst hinter sich gelassen hat.
Inzest war damals ein beliebtes Thema bei der atg und eine derartige Geschichte schreit nach melodramatischer Pseudo-Provokation. Jissojis philosophisch-revolutionäres Anliegen ließ aber die sonst übliche Gleichung „Inzest gleich tragisches Ende“ nicht aufgehen und kratzte auch technisch an der Grenze zum Experimentalfilm: Von der Kameraarbeit (ungewöhnliche Perspektiven, scheinbar falsche Cadrage, Kamerafahrten teilweise sogar am Geschehen vorbei) könnten sich heute noch einige Filmstudenten etwas abgucken. Sie allerdings zweieinhalb Stunden auch so radikal zu verfolgen wäre mittlerweile ein Garant für einen Mega-Flop – es sei denn, man hieße Terrence Malick und würde wie in TREE OF LIFE den Schuld-und-Sühne-Bedarf eines katholischen Publikums ähnlich künstlerisch zelebrieren. Beide Filme profitieren vom Heil in der Flucht oder, positiver ausgedrückt, von der Sehnsucht nach künstlerischer Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich vorherrschenden Religion. Auch der Post-Festival-Hype ist ähnlich:. THIS TRANSIENT LIFE wurde nicht nur mit dem Großen Preis der Filmfestspiele von Locarno ausgezeichnet, sondern in Japan auch zum erfolgreichsten atg-Film überhaupt; so erfolgreich, dass er in Japan über die atg-Kinos hinaus sogar in kommerziellen Häusern gespielt wurde.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 2-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MANDARA (Akio Jissoji)
TREE OF LIFE (Terrence Malick)
THE PROFOUND DESIRE OF THE GODS (Shohei Imamura)
mochten

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