DAS PÜPPCHEN (Kukolka)

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Sowjetunion 1989
Regie: Isaak Fridberg
Drehbuch: Igor Ageyev
Produzent: Mosfilm
Kamera: Wladimir Nakhabatsew
Musik: David Tukhmanow
Darsteller: Svetlana Zasypkina, Irina Metlitskaya, Dimitri Zoubarew
127 min

Einsamer Teenager rebelliert gegen Schulsystem.

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Die 16-Jährige Tanya ist seit 10 Jahren Profi-Turnerin, die auch bei internationalen Wettkämpfen antritt. Als ein gefährlicher Verschleiß ihres Rückenmarks diagnostiziert wird, muss sie vom Sport zurücktreten und wieder in die Schule gehen. Dort fällt es ihr extrem schwer, sich mit dem Ende ihrer Karriere und ihres Elite-Daseins anzufreunden. Doch da sie körperlich fit, mit sonst schwer zu beschaffenden Luxusartikeln ausgestattet und äußerst rebellisch ist, wird sie, obwohl Kleinste in der Klasse, von ihren Mitschülern sehr schnell respektiert und steigt sogar zur Anführerin innerhalb ihrer Clique auf. Die junge liberale Lehrerin Elena gefährdet jedoch ihre Alpha-Rolle. Als sich auch noch Tanyas Schwarm in Elena verguckt, eskaliert die Verweigerungshaltung. Tanyas Machtkämpfe mit Elena erreichen ihren Höhepunkt, als Tanya vorgibt am selben Tag wie die Lehrerin Geburtstag zu haben. Ein nettes Geburtstagskränzchen kann eben nicht gegen Tanyas VHS-Luxus-Videonachmittag vor „Tanz der Teufel“ mit anschließender Hausdisco zu Billy Ocean’s „Loverboy“ anstinken. Doch ausgerechnet ihr Schwarm geht als Einziger zum Geburtstag der Lehrerin und verbringt die Nacht bei ihr. Das aggressive Gör versucht deshalb die Lehrerin zu diskreditieren, was ihr aber nicht wirklich gelingt. Aus Frust rennt sie in die Turnhalle und trainiert bis zur Prophezeiung ihres Arztes: Querschnittsgelähmt wird sie von einem Krankenwagen abtransportiert.
DAS PÜPPCHEN ist ein Chernukha, wie er im Buche steht. Hier wird in gut zwei Stunden ein Rundumschlag gegen das System zelebriert. Ein Schulsystem, das Gemeinschaftssinn statt Individualität fördern soll, deren Schüler aber jenseits des Klassenzimmers völlig sozialdarwinistisch agieren. Die zweite Säule ist der krankhaft übersteigerte Sportkult, der Devisen und Anerkennung aus dem Ausland bringen soll.

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Fridberg castete als Hauptdarstellerin die Profi-Turnerin Svetlana Zasypkina. Auch sie musste aus gesundheitlichen Gründen von ihrem Beruf zurücktreten und hatte ähnliche Anpassungsprobleme wie ihre Figur. Vielleicht wirkt sie deshalb auch nie amateurhaft. Als Turnerin war sie verbissen, als Schülerin ein soziales und emotionales Wrack, das nie wirklich Kind war und somit auch nicht gelernt hat, ein soziales Bewusstsein aufzubauen. Die Momente im Film, in denen Tanya/Svetlana lächelt, können an einer Hand abgezählt werden: Die anstrengende „Person“ wird im Laufe der zwei Stunden mit kleineren, aber effektiven Anekdoten gefüllt, die sie weniger monströs und unnahbar machen. Der tragische Schluss ist eigentlich vorprogrammiert, nur in dieser Härte nicht voraussehbar.
Technisch ist der Film, erst recht für einen Kinofilm, leider nicht sonderlich innovativ. Durch den ganzen Film zieht sich ein entsättigter Farblook. Die Wettkämpfe oder die Schule sind in schönem Ost-Grau gehalten, aber das ist eigentlich Standard im russischen Film. Zu oft bleibt die Kamera ganz klassisch an den Köpfen kleben. Nur in einem Moment macht das Sinn: wenn Elena ganze zehn Minuten ohne Zwischenschnitt ihr Innerstes vor der Klasse Preis gibt. Erwähnenswert ist noch die Musik, die wider die Entstehungszeit ausnahmsweise nicht rebellische Glasnost-Stumpf-Rockmusik abfeiert, sondern sich eher bei westlichen düsteren Pop-Klängen bedient.
DAS PÜPPCHEN lief zweimal auf der Berlinale. Ganz regulär 1989 und dann noch mal 1997 im Kinderprogramm ab 12 freigegeben. Die Gesichter der Kinder hätte ich danach gerne gesehen.
Apropos Kinder: Der Film hatte trotz Glasnost Zensurärger wegen einer Sexszene, die aber so zappenduster ist, dass sich nicht nur Kinder da ruhig ein Eis holen können.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
INTERGIRL (Pyotr Todorowsky)
KLEINE VERA (Vasili Pichul)
DER BOTE (Karen Shakhnazarow)
mochten

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