DOG’S FEAST (Sobachy Pir)

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Sowjetunion 1990
Regie: Leonid Menaker
Drehbuch: Viktor Merzhko
Produzent: Mark Rudinstein
Musik: Andrei Petrow
Kamera: Wladimir Kovchel
Darsteller: Sergei Schakurow, Natalia Gundarewa, Larisa Udovitschenko, Anna Polikarpowa
107 min

Nihilistisches Ü40er-Alkoholiker-Porträt, das fast liebevoll seine desolaten Antihelden charakterisiert.

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Das Leben in der Gosse sieht ein bisschen anders aus als in den Werbespots BARFLY oder LEAVING LAS VEGAS. Und die Liebe dort ist definitiv nicht so sexy wie in DIE LIEBENDEN VON PONT NEUF. Zumindest nicht in Russland. Leonid Menakers letzter Film ist ein ultra-existenzialistisches Ü40er-Alkoholiker-Porträt, das fast zärtlich seine verzweifelten Antihelden umklammert.
Die Bahnhofsklofrau Janna nimmt den liegengebliebenen Penner Arkadi in der Silvesternacht mit nach Hause. Sie säuft und schimpft, er rührt keinen Tropfen an, da er gerade vom Entzug kommt. Kaum schnorrt er einen Korkenzieher von der Nachbarin, schon ist Janna am Fluchen aus Eifersucht. Arkadi bleibt über Nacht. Morgens geht er wieder zum Bahnhof, will nach Leningrad. Janna kommt mit Restfahne zur Arbeit und wird rausgeworfen. Arkadi erledigt noch ihre Drecksarbeit, verpasst deshalb seinen Zug. Er muss wieder bei Janna schlafen. Die Beiden nähern sich an. Als Arkadi schließlich doch den Zug nach Leningrad nimmt, kauft sich auch Janna ein Ticket. Doch nachdem er Monate nicht zu Hause war, ist der Liebhaber seiner Frau schon dort eingezogen. Arkadi zieht wieder ab, fängt wieder an zu saufen. Janna nimmt ihn mit zurück nach Moskau. Sie scheint sich in Arkadi verliebt zu haben, fängt wieder an als Klofrau Geld zu verdienen. Doch Arkadi bleibt nur wegen der Nachbarin Alexandra. Tatsächlich darf er dann mal ran, wird aber danach zurückgewiesen. Janna erfährt das, reagiert nicht hysterisch, sondern apathisch. Es wird nicht gestritten, nur gesoffen. Beide beleidigen sich gegenseitig, dass sie keine Menschen mehr wären. Arkadi legt sich hin, Janna sitzt noch etwas in der Küche, bevor sie den Gasherd aufdreht, die Tür abschließt und das Stromkabel zur Klingel rausreißt. Dann legt sie sich zu Arkadi ins Bett.
This is Bodensatz not L.A. Hier ist alles desolat: Das soziale Milieu seiner beiden Protagonisten, ihre Wohnverhältnisse, ihre familiäre Situation, ihre vernarbte Psyche und ihr ungepflegtes Äußeres. Lediglich der Soundtrack u.a. aus spanischer Folklore-Musik wirkt wie ein positiver Kontrast zu diesem fast unglaublichen Elend. Allein die Ranzbude von Janna ist (k)einen Blick wert. Nur das nötigste, und das vom erbärmlichsten. Da fragt man sich, wie viele Wohnungen es in der Art in Russland wirklich gibt, ob dort Locationscouts die Ausstatter ersetzen. Apropos Locationscout: das öffentliche Klo steht im übrigen der Kloschüssel aus TRAINSPOTTING in nichts nach, ekelhaft de Luxe sag ich da nur. An sowas kann ich mich nur noch unter dem Kölner Dom erinnern, aber das waren die 90er, so etwas gibt es dank „Sanifair“ in Deutschland nicht mehr.

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Wo die Liebe hinfällt: Janna und Arkadi sind die Penner von der Ecke. Beleidigungen sind der normale Umgangston. Die Leute, von denen man sich fragt: Was ist denn da passiert, dass das so runtergehen kann? DOG’S FEAST liefert nur bedingte Antworten, spielt nur im Endstadium. Arkadi war wohl mal ziemlich erfolgreich, fing an zu saufen, bis ihn seine Frau wegen einem anderen verlassen hat. Wie schlimm es wohl war, wird vehement spürbar in einer kurzen Szene. Als Arkadi an seiner alten Wohnung klingelt, öffnet ihm sein Nachfolger, will ihn nicht reinlassen. Es kommt zum Gerangel. In diesem Augenblick kommt Arkadis Tochter, maximal 10 Jahre alt, nach Hause. Sie sieht Arkadi an und sagt nur: „Dich haben wir doch vor einem halben Jahr abgemeldet“. Ihr kleiner Bruder kommt angerannt und wird von ihr nach seiner Frage, was das für ein Mann da draußen sei, in die Wohnung zurückgeschoben mit den Worten: „Nur ein alter Säufer“. Was Janna so verzweifelnd macht, wird noch weniger geklärt. Es gibt ein Foto ihrer Tochter, das in der Ranzkaschemme ihres Arbeitsortes hängt. Den Rest gilt es zu vermuten. Leben wird sie wohl noch, wie man nebenbei erfährt, als Janna wieder anfängt aufzuleben, weil sie einen Brief von ihr erhalten hat. Diese beiden gescheiterten Existenzen finden die Liebe, sie zu ihm, er zu ihrer Nachbarin. Niemals ist auch nur die Andeutung von Sex zwischen Arkadi und Janna zu sehen oder zu spüren: Sie schlafen sogar auf verschiedenen Matratzen. Fast rührend sind die Beiden, wenn sie sich mal aufrappeln. Da wuchert die Wärme jenseits des verschneiten, eiskalten Winters draußen. Rausputzen tun sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Schön ist hier die Sympathieverschiebungsarbeit des Drehbuchs bzw. der Regie. Anfangs ist er der Sympath, in der zweiten Hälfte sie.
Auch die beiden Nebendarsteller sind minimal, aber brilliant charakterisiert. Auch hier muss deren Vorgeschichte zusammengebastelt werden. Nachbarin Alexandra ist wohl eine alleinerziehende Mutter und die minderjährige Natasha, die zum Saufen bei Janna vorbeikommt, hatte wohl gerade eine Abtreibung. Alles ist bytovoy, aus dem Leben gegriffen, nichts wirkt hier unecht.
Was dem Film ein bisschen was nimmt, ist Arkadis Liebe zu Alexandra, die gegen Ende erzählerisch etwas zu sehr ins Zentrum der Geschichte rückt. Doch auch hier: Alexandras Zurückweisung wird nicht wirklich von ihr begründet. Arkadi verspricht ihr alles, ein neues Leben, nochmal von vorne, etc, aber er ist wohl nicht der erste, der das zu ihr sagt.
Wenn Janna zum Schluss das Gas aufdreht und sich das erste Mal zum Sterben neben Arkadi auf die Matratze kuschelt, macht er ihr im Halbschlaf-Suffgemurmel das längst ausstehende Kompliment „Du bist ja doch ein Mensch“. Man sieht in der Reflexion des Schlafzimmerfensters noch den Lichtschein des Nachttischlämpchens. Janna macht das Licht aus. Ende.
Die beiden Hauptdarsteller Sergei Schakurow und Natalia Gundarewa waren Topstars in Russland. Gundarewa wurde 1990 auf dem Montreal Filmfestival als beste Darstellerin augezeichnet. Für Schakurow war die Rolle nicht neu. In FRIEND (1987) spielte er einen Alkoholiker, dessen Alter Ego ein sprechender Hund war.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
REQUIEM FOR A DREAM (Darren Aronofsky)
WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF? (Mike Nichols)
BARFLY (Barbet Schröder)
mochten.

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