DER EHEMANN UND DIE TOCHTER VON TAMARA ALEKSANDROVNA (Muzh i doch’ Tamary Aleksandrovny)

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Sowjetunion 1988
Regie: Olga Narutskaya
Drehbuch: Nadeshda Kozhushania
Kamera: Valeri Martynow
Musik: Oleg Karaveidschuk
Sound: Yuri Fetisow
Darsteller: Alexander Galibin, Anna Bazhenov, Valentine Malyavina
102 min

Stilistisch interessante und radikale Abrechnung mit den Werten und Folgen der Sowjetunion.

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Kaum war die Filmzensur in der Sowjetunion gelockert, kamen schon die ersten Radikal-Rosskuren aus dem Boden geschossen. Einer der fiesesten, aber gleichzeitig auch künstlerisch ambitioniertesten Beiträge war DER EHEMANN UND DIE TOCHTER VON TAMARA ALEKSANDROVNA der Filmemacherin Olga Narutskaya.
Was ab der ersten Sekunde auffällt, ist das musikalische Leitthema, oder eher der Psycho-Soundtrack auf der Tonspur, der den ganzen Film „untermalt“. Zusätzlich zu dieser Leiermusik-Soundcollage, die fast wie „Another one bites the Dust“ rückwärts klingt, singt die titelgebende Tamara in Nahaufnahme ein deprimierendes russisches Volkslied („Es ist nachmittags und Masha ist traurig. Womit soll ich anfangen?“). Danach wird in eine Totale geschnitten, in der sie langsam aus dem Bild geht: klassische Schlusseinstellung sozusagen. Es folgt der Vorspann (oder Abspann?) und schon ist klar, dass das hier kein Kindergeburtstag wird.
Tamara verschwindet aus dem Bild und für den Rest des Films. Sie kommt mit einer Bauchfellentzündung ins Krankenhaus. Ihr Ehemann Valeri, der von ihr geschieden im selben Haus wohnt, muss jetzt für Katya, deren gemeinsame Tochter, sorgen.
In grau-blauen Bildern wird der triste Alltag von Vater und Tochter gezeigt. Katya ist an der Schwelle zu ihren ersten sexuellen Erfahrungen und hat deshalb einige Probleme in der Schule. Als Valeri zu einem klärenden Gespräch deshalb dort hin bestellt wird, stellt sich heraus, dass Katyas Lehrerin einmal seine Geliebte war. Es kommt zum Gerangel mit ihr, er ergreift die Flucht. Valeri, der selbst eher noch ein großer Junge zu sein scheint, ist mit der Vateraufgabe überfordert und möchte, dass sich Tamara nach der Operation wieder um die Tochter kümmert. Doch Tamara kommt nicht mehr zurück, er muss sich mit seiner Verantwortung anfreunden.
Katya verliebt sich in einen Klassenkameraden, der ebenfalls aus zerrütteten Verhältnissen kommt. Doch als beide miteinander schlafen wollen, macht sie einen Rückzieher. Der Gehörnte ist so außer sich, dass er seine Wut an ihrem Vater auslassen will. Die komplette letzte Viertelstunde verfolgt er ihn mit seinen halbstarken Freunden durch die nächtliche Stadt, ihn fortwährend demütigend und verprügelnd. Niemanden interessieren Valeris Hilferufe. Erst als er „Helft einem Spartacus-Fan!“ schreit, kommen Leute angerannt (Spartacus war die beliebteste sowjetische Fußballmannschaft). Der Film endet, wie er begonnen hat, nur dass diesmal das Matsch-Gesicht des Vaters ein Lied zum Besten gibt: Auch er befindet sich jetzt im Krankenhaus.

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Harter Tobak, auch technisch, fast an der Schwelle zum Experimentalfilm: Die Geschichte wird ungewöhnlich, aber stringent erzählt. Es scheint aus Prinzip nur Nahaufnahmen und Totalen zu geben. Manchmal wird minutenlang nur geschwenkt, oft ist das Bild teilweise ganz schwarz. Gesprochen wird wenig, Vater und Tochter kommunizieren teilweise in Gebärdensprache. Finden Gespräche statt, enden diese schon mal in Gewaltausbrüchen. Ein inhaltlich und formal konsequenter Angriff auf die Seh- und Hörgewohnheiten, nicht nur der Russen. Der Traum vom kollektiven Gewissen ist geplatzt: Das Bild der heilen Familie, der Keimzelle der Nation, ist komplett zerstört. Zuerst verschwindet die Mutter, zum Schluss auch noch der Vater aus der Gleichung. Die Reste davon bzw. der Versuch, eine Normalität aufrechtzuerhalten, wird durch ebenfalls aus dem Ruder geratenen Nachwuchs verhindert. Nicht nur die Zelebrierung einer neuen Hässlichkeit, die minutenlange Schlusseinstellung auf den singenden, nachdenklichen, lachenden Valeri mit seinen rausgeschlagenen Zähnen, lässt den Zuschauer fassungslos zurück. Der große Bruder ist tot, was bleibt? Eine Nation am Abgrund, das Ende der alten Werte und eine Gesellschaft, in der jeder sich selbst am nächsten ist.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
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