ZERFALL (Raspad)

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Sowjetunion/USA 1990
Regie: Michail Belikow
Drehbch: Oleg Prihodko
Produzent: Michael Kostiuskowski, Peter Almond
Musik: Igor Stentcuk
Darsteller. Sergei Schakurow, Tatiana Kochemasowa, Stanislaw Stankewitsch
96 min

Der innere und äußere Zerfall der Sowjetunion mit Fokus auf Tschernobyl.

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Es ist etwas verwunderlich, dass nur zwei russische Spielfilme über atomare Katastrophen existieren. Immerhin war für Gorbatschow Tschernobyl der Sargnagel der UdSSR. Der eine, BRIEFE EINES TOTEN, von Konstantin Lopuschanski war gerade in der finalen Schnittphase, als der Reaktor explodierte und behandelt das Dahinsiechen nach einem Atomkrieg. Der zweite entstand vermutlich auch nur, weil dessen Regisseur Michail Belikow zum Zeitpunkt der Katastrophe vor Ort war, um eine Dokumentation zu drehen. 1990 setzte er sich an seine Schnittreste, beschaffte sich etwas Geld aus USA und drehte in den Dowshenko-Studios in Kiew den inoffiziellen Tschernobyl-Film RASPAD aka ZERFALL aka ZERSTÖRUNG aka DECAY aka DISINTEGRATION. Die Außenaufnahmen fanden, größtenteils von Hubschraubern aus gefilmt, u.a. in Prypiat statt, jener Geisterstadt, deren 50.000 Einwohner innerhalb weniger Stunden mit 1200 Bussen evakuiert wurden. Das Endprodukt macht es nicht einfach, Fact from Fiction zu trennen. Manche Szenen aus dem Film wurden für Tschernobyl-Dokumentationen verramscht und umgekehrt. Vor allem die Evakuierungs-Kranfahrt macht stutzig. Entweder war Belikow so spontan, in dem Chaos mal eben einen Kran aufzubauen oder das Budget 1990 ziemlich hoch.

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Der Titel „Zerfall“ ist Programm. Belikow versucht die Auflösung der Sowjetunion äußerlich und innerlich darzustellen, will zeigen, dass das System auf allen Ebenen korrupt war. Das gelingt ihm einigermaßen. Jeder belügt hier jeden, jeder versucht zu vertuschen und dennoch den größten Nutzen aus der „Angelegenheit“ zu ziehen.
RASPAD ist eine echte Gratwanderung zwischen Arthouse und Exploitation, vor allem weil wirklich ernsthaft und größtenteils nicht melodramatisch-effekthascherisch versucht wird, gewisse Offensichtlichkeiten der individuellen und Systemstruktur zu kritisieren. Doch hätte da vielleicht der Tschernobyl-Faktor außen vor gelassen werden sollen. Dann hätte es auch funktioniert. So ist das Endprodukt zu zerfahren, um ein geschlossener Spielfilm zu sein.
Die Bilder der Apokalypse machen ohne Zweifel sprachlos. Die Geschichte um einen Wissenschaftler, der aus Verdichtungsgründen bei allen Stufen des Tschernobyl-Spektakels mitmischt, tritt leider wegen der gigantischen Katastrophe in den Hintergrund. Der Tausendsassa ist überall dabei: Bei der Katastrophe selbst, bei den Pressekonferenzen und schließlich sogar noch als Liquidator (das waren die armen 600.000 Schweine, die aus ganz Russland angekarrt wurden, um mit bloßen Händen den Dreck wegzuräumen). Ebenso versandet ein weiterer Handlungsstrang um ein Liebespärchen, das den GAU im Picknick-Pimper-Zelt verpennt und dann wie viele andere ihr Heil in der Religionsflucht sucht. Es wirkt einfach unausgegoren, etwas hilflos und lässt nicht nur einen faden Nachgeschmack aus Eisen im Mund zurück. Sehenswert ist der Film dennoch, falls man die Bilder jenseits von Free-TV-Dokus auch mal im ursprünglichen Film sehen will.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 3

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
THREADS (Mick Jackson)
BATTLE OF CHERNOBYL (Thomas Johnson)
BRIEFE EINES TOTEN (Konstantin Lopuschanski)
mochten

Und hier noch ein paar Bilder, die vielleicht aus Dokus bekannt sind. Die Bilder von Prypiat, dem Exodus und dem Gerätefriedhof sind dokumentarisch, der Rest inszeniert.

Stolze Liquidatoren
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Exodus 1986
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Einiges an Gerät
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„Mama! Ich bin daheim. Bitte komm zurück!“
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Prypiat 1990
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