SATAN (Satana)

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Sowjetunion 1991
Regie, Drehbuch: Viktor Aristov
Produzent: Sergei Avrutin
Kamera: Yuri Vorontsov
Musik: Arkadi Gagulashvili
Darsteller: Sergei Kupriyanow, Maria Averbach, Svetlana Bragarnik
102 min

Dostojewskis „Schuld und Sühne“ anno 1991

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So, welchen Downer geben wir uns heute? SATAN, hm? Weltbester Titel sowieso und den Silberbär in Berlin gabs auch. Dürfte also den Exploitation-Faktor gering halten…100 Minuten später… Wieder so ein Ding, dem ich mehr Verbreitung vergönnt hätte. Bär eingetütet, nach Hause gefahren, in der Versenkung verschwunden. Wirkt fast so, als würde sich jeder russische Filmemacher im Zuge seines Vorgängers denken: Da setz ich aber noch einen drauf. Vier Jahre nach dem Öffnen der Giftschränke wird beim Verglimmen des Sowjet der Kopf nicht mehr einfach in die Kacke gedrückt, sondern dabei versucht, das Nasenbein vor Wucht gleich mitzubrechen. Aber leider nur versucht.
SATAN nimmt MENSCHENFEIND vorweg ohne der Tragik der Hauptfigur. EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN auf Russisch ist auch nah dran, aber dafür ist unser Satan dann zu FUNNY GAMES-smart. Denn dieser Misanthrop hier macht alles mit voller Absicht. Er entführt die 10-jährige Tochter seiner Geliebten, erschlägt sie und fordert dann Lösegeld. Dass es so Menschen gibt, hat uns ja Herr Gäfgen 10 Jahre später bewiesen (ohne den Film auf der Berlinale gesehen zu haben). Aber unser Satan hier, Freunde dürfen auch Vitali sagen, macht das alles nur, weil er ein gewaltiges Ego-Problem hat. Denn ihm geht es nicht um die 100.000 Rubel, er will nur Anerkennung bei Frauen oder wie jeder andere Irre mit Ambitionen auch mal ins Licht. Seine Geliebte ist das Paradebeispiel der korrupten Funktionärs-Russin. Nicht einmal ihr Mann weiß, dass sie mal eben das Geld in petto hat. Und in ihrer BASIC INSTINCT’schen Dummheit mit vertauschten Rollen hat sie es wahrscheinlich ihrem charmanten Vitali nach dem Pimpern verraten. Der arbeitet übrigens nicht allein, sein Opa ist der Komplize. Der haust wie die meisten Menschen hier in einem üblen Drecksloch. Klar will der da auch mal raus in seinem Alter. Mit 80 mal die Puppen tanzen lassen.
Gerade so klappt es dann irgendwann mit der Geldübergabe und Opa kriegt die Kohle. Klein-Vitali will sich ja nur wieder ne Kerbe in sein Pimmelchen schnitzen. Womit wir beim Frauenbild sind. Tja, nichts Neues an der russischen Macho-Front: entweder Dummbrot oder korrupt oder beides. Vitali pimpert auch schon mal die Frau seines Kumpels im Kämmerchen auf dessen Hochzeit. Brot wehrt sich nicht wirklich. Dann ist da noch ein drittes Mädel, das aber gar nicht auf seinen Charme abfährt. Also ist Fensterln angsagt. Überwältigt ob so viel Balzenergie darf er dann da auch noch ran. Super-Rückgrat.
Also, sympathenmäßig ist da niemand, auf den man mitfiebermäßig bauen kann, außer der Vater der Tochter. Der ist der Einzige, der dem hier zelebrierten russischen Geist nicht frönt und einigermaßen menschlich reagiert. Alle anderen haben das Leben schon hinter sich, ohne es zu wissen.

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Gefilmt ist das alles oft mit Handkamera und „available Light“, auch in den Nachtszenen. Schätze, viel Kohle hat da Herr Aristov, seines Zeichens viel zu früh verstorbener Schriftsteller und Regisseur, hier niemandem aus der Tasche leiern könne. Aber wirkt in dem schmutzigen Milieu sowieso besser, wie damals bei BAISE MOI, dem ja ein cleaner Look auch eher geschadet hätte.
Hört sich jetzt alles so salopp ein bisschen ironisch an, von wegen nicht gut, aber ist er, bis auf die Zipperlein in Sachen explizit: Lieber Herr Aristov, 1991 steht da drauf, Eiserner Vorhang, Bolschewiken-Trauma und Weicheivorgänger hin oder her. Da wär noch mehr gegangen jenseits von Hidegard Knefs Rücken. Man kann denen auch auf Festivals einiges zumuten. Andeuten ist nicht, nicht bei diesem Film. Das muss schon an die Nieren gehen. Kindserschlagung und Nötigung soll ekelhaft sein und nicht Totale Stein auf Kopf oder Busengrapsching und dann Schnitt. Das wirkt Klemmi und Schonzeit. Denn schonen willst du ja anscheinend niemanden. Aber gerade deshalb hat sich wahrscheinlich der Berliner Bär gefreut. Naja, summa summarum bringen die Weichei-Kompromisse Punktabzug, doch allein der Titel SATAN gleicht das wieder aus. Ultra-Existenzialismus Chernukha-Style. Auch hier also wieder absolute Schlechte-Laune-Garantie nach dem Film, vor allem weil als letztes Bild Satan-Vitali gerade wieder ein paar Mädels in der Bahn angräbt und in die Kamera grinst. Da ginge theoretisch noch SATAN-SAW 2-15, aber wir sind ja nicht in Amerika, sondern in Provo-Klemmi-Hausen.
Beste Szene übrigens: Suffkopf-Kumpel von Vitali hat an der Wand seiner Drecksbude eine Weltkarte versehentlich falsch herum aufgehängt. Frage seinerseits: „Wo ist denn da jetzt unser Mütterchen Russland?“ Antwort von One-Night-Stand neben ihm: „Na, da unten!“
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
FUNNY GAMES (Michael Haneke)
MENSCHENFEIND (Gaspar Noé)
EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN (Krzysztof Kieślowski)
mochten

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