DER TSCHEKIST (Chekist)

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Russland/Frankreich 1992
Regie: Alexander Rogoschkin
Drehbuch: Jacques Baynac
Vorlage: Wladimir Sasubrin
Produzenten: Oleg Konkov, Guy Seligmann
Kamera: Valeri Mulgaut
Musik: Dimitri Pawlow
Darsteller: Igor Sergev, Aleksei Poluyan, Mikhail Vasserbaum
85 min

Schonungslose Abrechnung mit den Verbrechen der Tscheka nach der Oktoberrevolution.

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Es gibt Filme, die will man nicht sehen, sollte man aber mal gesehen haben. Ganz oben wird da wohl für immer Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM (1975) eingemeißelt sein. Ein Film, der es tatsächlich 40 Jahre nach seiner Entstehung noch schafft, hart gesottenes Mitternachtskinopublikum schweigend in die Nacht zu entlassen. Manch einer mag da auch noch MEN BEHIND THE SUN (1988) über die Gräueltaten des Kommandos 731 dazu zählen. Aber ein Vierteljahrhundert nach dem Aufschrei über sein Erscheinen entblößt sich der Film rückblickend wegen seines vorsätzlichen CatIII-Zielpublikums als heuchlerisches Machwerk der übelsten Sorte. Viel bestürzender ist nach wie vor das britische Doku-Drama THREADS (1984), das die Auswirkungen eines Atomkriegs bis zum 15. Jahr nach der Bombe aufzeigt. Es fängt relativ harmlos an, aber geht Schritt für Schritt immer tiefer in die Eingeweide. Die Bilder sind für einen TV-Film ungewöhnlich drastisch, und hat man sich vorher nicht über die Laufzeit informiert, ertappt man sich des Öfteren bei einem „Ist jetzt mal gut?“ Wenig bekannt ist auch DER TSCHEKIST von Alexander Rogoschkin, der ähnlich nüchtern und distanziert wie DIE 120 TAGE VON SODOM die Aufräumarbeiten der sogenannten Tscheka nach der Oktoberrevolution 1917 zeigt.
Die Tscheka war von 1917-1922 die Exekutive des roten Terrors. Sie sorgte für die Folterung und Ermordung von 250.000 bis 1.000.000 vermeintlichen Systemfeinden in ihren Konzentrationslagern. DER TSCHEKIST war einer von sechs Filmen, die 1992 von La Sept/arte in Auftrag gegeben wurden. Unter dem Motto „Histoires Russes“ widmeten sich verschiedene russische Regisseure bestimmten Ereignissen der neueren russischen Geschichte. Für diese Reihe scheint eine 55-minütige Fernsehfassung von DER TSCHEKIST angefertigt worden zu sein, die wohl auch 1993 ausgestrahlt wurde. Die Vorlage für den Film war der Roman „Shchepka“ (Splitter, 1923) von Wladimir Sasubrin, der erst 1989 in Russland veröffentlicht wurde.
Bei Rogoschkin scheint sich über die Jahre so einiges an Wut aufgestaut zu haben, denn seine Adaption ist der radikalste Chernukha-Vertreter in zweifacher Hinsicht. Er greift an den Fundamenten des sowjetischen Regimes an und ist gnadenlos kühl und ohne Pathos inszeniert. Es ist irgendwie unverständlich, dass beim skandalgeilen Festival von Cannes 1992 niemand aufgeschrien hat. Hier wird nicht weggeschwenkt, sondern immer drauf gehalten: 1920 haben Denunzianten in Russland Hochkonjunktur, Menschen werden ohne Prozess von den Tscheka im Minutentakt schuldig gesprochen und ausschließlich zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die Vergehen sind teilweise unfassbar banal. Die Hinrichtungen in Fünfergruppen in einem dreckigen Kellerduschraum werden fließbandartig erledigt. Die Toten werden wie Vieh über eine Seilwinde durch einen Kellerschacht hochgezogen und auf Lastwägen weggeschafft.

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Immer wieder streut Rogoschkin Bilder in diese Rituale, die noch mehr erschüttern als die Exekutionen: Eine Aristokratin, die sogar im Angesicht des Todes noch einen Wachmann nach einer Zigarette fragt, aber schon erschossen wird, bevor sie aufgeraucht hat; eine Mutter, die ihre Tochter verhökern will, um ihren Sohn freizubekommen; ein Hände haltendes Pärchen an der Erschießungswand; eine alte Dame, die im Angesicht des Todes nicht Angst um sich, sondern ihre verhungernde Katze hat; die Todesschützen, die die Exekutionsstätte auch zum Duschen nutzen oder eine kurze Einstellung auf einen Soldaten, der im Auftrag seines Kommandanten Drohbriefe an die Tscheka anfertigt, damit deren Vorgehensweise von höherer Stelle leichter abgesegnet wird.
Doch Rogoschkin geht es nicht um eine stumpfe Aneinanderreihung solcher Schockbilder. Zwischen den Massakern erzählt er die Geschichte des Tschekisten Andrej Srubow, der wegen seines fanatischen Säuberungswahns immer mehr von Freunden und Genossen gemieden wird, bis er schließlich vollends dem Wahnsinn verfällt. Srubow ist eher überzeugter Idealist als kalter Handlanger, ein scheiternder Intellektueller, dessen anfängliche Lenin-Hörigkeit immer mehr von Zweifeln und Verzweiflung bestimmt wird, bis er sich schließlich selbst an die Exekutionswand stellt. Eine sehr ambivalente Figur, die sich einer primitiven Feindbildzuschreibung entzieht: Persönliche Aversionen sind für Srubow keine Gründe für Verurteilungen, auch werden Vergewaltigungen vor Exekutionen bei ihm nicht geduldet. Einmal lässt er sogar Hunderte von Bauern frei. Ganz zum Schluss im Irrenhaus kann man in ihn rein blicken, sieht man sein Ideal, wie er mit anderen Genossen durch ein freies Land reitet, ein Land, in dem sein und Lenins Traum von Freiheit Wirklichkeit geworden ist. Doch es ist eben nur ein Traum.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DIE 120 TAGE VON SODOM (Pier Paolo Pasolini)
MEN BEHIND THE SUN (Tun Fei Mou)
THREADS (Mick Jackson)
mochten

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