CYCLING CHRONICLES: LANDSCAPES THE BOY SAW (17-sai no fukei – shonen wa nani o mita no ka)

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Japan 2004
Regie, Produzent: Koji Wakamatsu
Drehbuch: Takayuki Yamada, Toshiki Sima, Izuru Deguchi
Kamera: Tomohiko Tsuji
Musik: Kazuki Tomokawa
Darsteller: Tasuku Emoto, Etsuko Seki, Kaori Kobayashi
91 min

Junge fährt mit Fahrrad durch Japan.

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Ja, was ist denn da kaputt? Ein Wakamatsu ohne Sex, ohne Gewalt, ohne Liebe und ohne Tod? Kann nicht, oder? Stimmt auch nicht ganz. Sex, sein Aushängeschild Nr.1, gibt es wirklich nicht, gar nicht. Aushängeschilder Nr.2 und 3, nämlich Gewalt und Tod, nur indirekt: Ein 17-jähriger hat seine Mutter erschlagen, aber im Off, also Vorgeschichte. Und mit Liebe hat sich Wakamatsu ja immer schwer getan, wenn es die zwischen Menschen war. Die wurde ja immer mit Füßen getreten. Aber Liebe gibt es hier, natürlich nur auf einer Metaebene: die Liebe zu Japan oder besser zu etwas, das im Film auch nicht zu sehen ist. Die Liebe zu, die Suche nach einem schöner Land. Die gesamten 90 Minuten des Films fährt der Junge durch dieses Land, trifft manchmal Menschen, ist aber meistens allein. Das wars. Klingt fad, klingt nach Kunst, ist es wohl auch, aber eine, die ich mag. Weil nicht wirklich was passiert. Und weil ich weiß, was Wakamatsu sonst so vom Stapel gelassen hat.
Zum Hintergrund: Ende der 60er wollten Wakamatsus Stammautor Masao Adachi und der Fotograf Takuma Nakahira einen Film über Norio Nagayama drehen, einem 19-Jährigen, der Anfang der 60er scheinbar ohne Grund vier Menschen umgebracht hat. Also bereisten sie die Stationen seines Lebens zu Recherchezwecken und stellten fest: Was du siehst, das prägt dich. Die Umgebung, die Landschaft hat dich zu dem gemacht, was du bist. Die Landschaftstheorie war geboren. Der Film hieß dann A.K.A. SERIALKILLER und zeigte ebenfalls 90 Minuten lang nur Gegenden, die Nagayama wohl gesehen hat, bevor er sich entschloss, durchzuscheppern. Das Resultat war dann ein langweiliger Kunststinker, aber ging ja ums Prinzip, wie immer bei Adachi.

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CYCLING CHONICLES ist eigentlich die Antithese zu A.K.A. SERIALKILLER. Was macht eigentlich Wakamatsu besser? Sind ja fast nur Bilder. Eben, fast. Das Minimum machts interessant, nicht die Totalverweigerung. Junge dreht durch und will noch das sehen, was er nicht gesehen hat, will wissen, ob er was verpasst hat, trifft Menschen, die ihm Geschichten erzählen, Geschichten über ein aktuelles und vergangenes Japan, dass sich einige Sauereien leistet und geleistet hat. Junge hört sich alles an, fährt weiter. Junge fährt und fährt, Junge sieht sich alles an, schwitzt und strampelt, Fahrrad geht kaputt, Junge geht mit Trümmern von Fahrrad auf Hügel, schmeißt Fahrrad runter, schreit. Kein Happy End. Zumindest etwas, auf das hier noch Verlass ist.
Ich liebe diesen Film, aber vermutlich auch nur, weil er ganz anders ist, als die restlichen 109 Filme von Wakamatsu. Weil er nach wie vor keine Kompromisse macht. Weil er auf alles scheißt, was gemeinhin von Erzählkino erwartet wird. Weil er 2004 und nicht 1968 gedreht wurde. Und weil es irgendwie auch Wakamatsus Reise zu sich selbst war, die Entscheidung, sich noch mal aufzurappeln, nachdem es zu ruhig um ihn geworden war. Lag es an seinem Kumpel Masao Adachi, der nach 30 Jahren wieder aufgetaucht ist, dass er noch einmal loslegte? Ich schätze schon. CYCLING CHRONICLES ist Wakamatsus Bestandsaufnahme Japan 2004, sein kurzer Moment der Ruhe, bevor er wieder losstürmte. Brav filmisch weitergeschimpft hat er, und ausgesehen hat er wie Charles Bronson als Wombel getarnt. Ein Wolf im Schafspelz, einer zum Knuddeln.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 100:0

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
SPEED (Jan de Bont)
CRANK (Mark Neveldine)
96 HOURS (Pierre Morel)
mochten

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