STAHL (Hagane)

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Japan 2006
Regie: Takuji Suzuki
Vorlage: Naoki Yamamoto
Produzent: Hiroko Matsuda
Musik: Gary Ashiya
Darsteller: Nahana, Tasuku Emoto, Teruyuki Tagawa
35 min

Tetsuos Schwester sucht die Liebe.

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Ein Film ist so lang, wie ein Film sein muss. Wenn Fassbinder für BERLIN ALEXANDERPLATZ 880 Minuten braucht, braucht er die auch. Wenn sich Katja von Garnier gegen eine künstliche Streckung von ABGESCHMINKT durchsetzt und der Film trotzdem erfolgreich im Kino läuft, dann ist das ein großer Sieg. Ob Steven Spielbergs DUELL in seiner Originalkürze nicht besser wäre, könnte diskutiert werden, aber STAHL kann nur 35 Minuten sein. Dass er sich dann eben in der Todeszone des mittellangen Films bewegt, ist nicht weiter schlimm, wenn sich Leute finden, die eine solche Perle mit zwei anderen Filmen zusammenpacken und ihn so doch unters internationale Volk bringen. Wirklich erwähnenswert sind die beiden anderen Halbstünder im Fall des Episodenfilms UNHOLY WOMEN übrigens nicht wirklich, sondern fallen eher in die Kategorie Bonusmaterial: Ich denke nicht, dass die Welt noch eine Kurzversion von THE GRUDGE oder den 2452ten Klischee-Geisterkurzfilm mit Klischee-Schlusspointe aus Japan braucht.
STAHL allein deckt die ganze Palette ab. Er ist witzig, originell, dramatisch, sexy, romantisch und vor allem bizarr. Etwas, das hängen bleibt. Etwas, dass man so noch nicht gesehen hat.
Genau wie das Publikum ist der junge Mechaniker Sekiguchi etwas konsterniert, als ihn sein Chef mit seiner Schwester Hagane verkuppeln will, denn deren Oberkörper ist unter einem Sack versteckt. Natürlich will Sekiguchi wissen, was unter dem Sack verborgen ist. Doch ein Entfernen ist nicht möglich, wie er schon beim ersten Versuch feststellen muss: Da purzeln Fleischklumpen raus. Hagane kriegt einen Wutanfall, rempelt seine Bude zu Klump und verschwindet. Sekiguchi denkt, das wär es gewesen, doch bald ist sie mit Pfeilen, die sie aus einer Art Luftgewehr aus ihrem Sack schießt, hinter ihm her. Hagane, die neben unmenschlichen Lauten nur durch das Schreiben mit ihren Füßen kommunizieren kann, entpuppt sich als so hartnäckiger Wonneproppen, dass Sekiguchi nach weiteren Anlaufschwierigkeiten ihren Avancen nachgibt. Denn er ist doch einer der Guten: Die inneren Werte zählen für ihn, was das in Haganes Fall auch immer heißen mag. Einer körperlichen Vereinigung steht somit fast nichts im Wege. Doch der folgende Geschlechtsverkehr ist tödlich für den jungen Mann – und ist Zulawskis POSSESSION und Tsukamotos TETSUO in einem: Haganes Innerstes ist Schleim und Stahl zugleich.

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Was bleibt während und nach STAHL sind viele Fragen: Opfert sich Sekiguchi oder ist das nur Neugier? Kriecht er wirklich sprichwörtlich in sie hinein? In was genau kriecht er hinein? In der Anfangsszene des Films rennt Hagane immer wieder gegen den Zaun vor einem Hochspannungsmast. Was anfangs unbeholfen und witzig wirkt, löst später noch eine Frage aus: Bereitet ihr der Elektrosmog körperliche Qualen? Was pumpt ihr Vater in sie hinein? Maschinenöl? Man weiß es nicht, man sieht es nicht. Und das ist gut so. Die Essenz des filmischen Erzählens in einer halben Stunde. Eine neue Idee, Ungewissheit, Neugier, Spannung, gekoppelt mit einer erzromantischen Liebesgeschichte. Ich musste bisweilen an Richard Mathesons erste Kurzgeschichte MENSCHENKIND denken. STAHL wirkt ein bisschen wie die Fortsetzung. Das Leben mit den „Anderen“, sogar die Liebe zu ihnen. Sind Mutanten die besseren Menschen? Träumen Roboter von elektrischen Schafen? Komplett überflüssige Fragen, einfach wirken lassen, sich wundern und begeistert sein von der Bizarro-Variante eines IM REICH DER SINNE. Doch, was kommt nach Sekiguchis Tod? Dann kommt die Angst, meine Angst, dass Regisseur Takuji Suzuki das Ende mit der Berechenbarkeit des Standardkurzfilms verkackt. Doch anstatt die Ankunft eines potenziellen neuen Liebesopfers anzukündigen, ist hier als Zwischenschnitt im Abspann eine glückliche Hagane zu sehen, die auf einer Wiese rumhoppelt. Danke, Herr Suzuki, alles richtig gemacht. Hagane rules!
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
TETSUO (Shinya Tsukamoto)
POSSESSION (Andrzej Zulawski)
IM REICH DER SINNE (Nagisa Oshima)
mochten.

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