THE WHISPERING OF THE GODS (Gerumaniumu no Yoru)

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Japan 2005
Regie: Tatsushi Omori
Vorlage: Hanamura Mangetsu
Produzent: Genjiro Arato
Kamera: Ryo Otsuka
Musik: Shuichi Chino
Darsteller: Hirofumi Arai, Reona Hirota, Megumi Sawara
107 min

Ein japanischer Carl Panzram pendelnd zwischen Gaspar Noés Nihilismus und Bruno Dumonts Naturalismus.

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Vorspannbilder: Kühe auf einer verschneiten Weide in der dünn besiedelten Präfektur Iwate, die vornehmlich aus Wäldern und Bergen besteht.
Szene 1: Das Gesicht von Komiya, einem Jesuiten-Priester mittleren Alters. Langsame Rückfahrt der Kamera. Das Bild öffnet sich. Komiya sitzt zu Hause auf einer Couch. Rou, ein etwas desolat wirkender junger Mann, sitzt neben ihm und holt ihm gerade einen runter.
Szene 2: Rückblende. Rou blutbesudelt auf einem Schrottplatz. Auf seinen Schultern eine Eisenstange. James Dean-GIGANTEN-Hommage.
Szene 3: Rückblende. Rou in Komiyas Büro. Komiya führt eine Hand des anscheinend gerade zurückgekehrten Rou an seinen Hosenschlitz.

THE WHISPERING OF THE GODS macht keine Gefangenen. Das ist schon nach diesen drei Szenen klar und wird bis zum Schluss gnadenlos durchgezogen. Gesprochen wird nicht viel, die deprimierenden Ereignisse werden verstärkt durch den minimalistischen Cello-Soundtrack. Die Kamera passt sich dem an: Sie ist fast statisch langsam unterwegs, wird selten Teil des Geschehens, beobachtet oft nur aus der Distanz.
Was sie in diesem Jesuiten-Kloster am Arsch von Iwate zeigt, ist nicht schön: Da werden Hunde getreten. Einem Schwein wird beim Besteigen geholfen. Es wird versucht, Kotze zu fressen und an Zehenkäse gerochen. Es gibt in die Eier und auf die Fresse. Geblasen und gewichst wird nicht nur unter Menschen. Und ab und an zaghafte Zärtlichkeit. Nichts wird explizit gezeigt, doch der ungemütlichen Stimmung tut das keinen Abbruch.
Rous Jugend scheint der eines Carl Panzram nicht unähnlich. Seine einzigen sexuellen Erfahrungen sind eher unfreiwilliger Natur und wohl ausschließlich mit den Priestern des Klosters. Einmal ist er abgehauen, hat aus Wut (ein näherer Grund wird nicht genannt) ein Pärchen erschlagen und ist jetzt auf der Flucht vor der Polizei in den Orden zurückgekehrt. Seine ersten heterosexuellen Erfahrungen macht er mit der Aspirantin Kyoko. Doch Rous höchstes Ziel ist es, sich so weit wie möglich von Gott zu entfernen. Deshalb beichtet er seinem Mentor Togawa seine Sünden. Den Mord, die Unkeuschheit mit der Aspirantin und dass er eine Nonne geschwängert hat, um das gemeinsame Kind Emmanuel zu nennen. Togawa vergibt ihm, wie es sich gehört, und der angry young man Rou strahlt das erste Mal, denn mit Letzterem hat er eine Tat gebeichtet, die er noch gar nicht begangen hat. Er bedankt sich für seinen Freibrief zur Nonnenverführung, der ihn selbst zu Gott mache, und stürzt sich auf die Nonne Theresa. Die lässt ihn aber nicht ran, weil sie anscheinend die Einzige in dem Kloster ist, die das Zölibat ehrt. Doch auch das stellt sich später als Lüge heraus. Filme wie diese enden oft fatal, was sie berechenbar macht. Tatsushi Omori lässt alles offen. Rous Schlusssatz nach dem x-ten Blowjob ist: „Komm, lass uns wieder Scheiße schaufeln.“

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Die Vorlage Gerumaniumu no yoru: Okokuki 1 (Germanium Nights: Record of the Kingdom Vol. 1, 1992) stammt von Hanamura Mangetsu und ist sein teils autobiografischer Debütroman, in dem er auf ähnlich derbe Weise seine Jugend in einem Jesuitenkloster aufarbeitete und dafür mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde.
Man möchte gar nicht wissen, wie viele von diesen Geschichten wahr sind. Rou ist ungefähr so liebenswert wie Henry in John McNaughtons gleichnamigen Film. Generell ist die Liste der Sympathen sehr dünn gesät. Bis auf Theresa ist eigentlich überhaupt keine Identifikationsfigur vorhanden. Das etwas übertriebene i-Tüpfelchen an kranken Gestalten ist ein dicklicher Typ, dessen Rotz- und Kotzgier den ansonsten schrecklich nüchternen Film etwas zu sehr in die Nähe einer Groteske rückt.
Form und Inhalt machen es keinem Publikum leicht: Das Arthousepublikum wird die Menge an Perversionen sicherlich abschrecken und als Wichsvorlage ist die kühle Schilderung der Geschehnisse ebenfalls nicht geeignet. Omori steht irgendwo zwischen Dumont und Noé. Die Anti-Heimatfilm-Zelebrierung der Einöde und die Lakonie der Erzählung ist einem Bruno Dumont, sei es DAS LEBEN JESU, HUMANITÄT oder FLANDERN, nicht unähnlich. Das Bemühen, holzhammerartig nahezu keine Perversion auf der Leinwand auszulassen, würde wiederum Gaspar Noés Herz verzücken.
Etwas schade ist lediglich, dass Omoris Debüt im Gegensatz zu den genannten Franzosen zwar Auftakt zu einer auteur-ähnlichen Linie war, doch tendiert sein Autorenfilm eher in die Richtung anspruchsvoller Beziehungsdramen.
Im sonst nicht zimperlichen japanischen Kino nimmt THE WHISPERING OF THE GODS eine Sonderstellung ein. Nach der Premiere auf dem Filmfestival in Tokio hatte der Film eine spärliche internationale Festivalauswertung. Zum Beispiel wurde Berlin abgesagt, um in Cannes zu punkten, doch die lehnten ab. Die internationale Premiere war schließlich in Locarno.
In Japan selbst belebte Produzent Genjiro Arato eine alte Idee wieder: Anfang der 80er wurde Seijun Suzukis Rehabilitationsfilm ZIGEUNERWEISEN zunächst ausschließlich in einem aufblasbaren Zelt mitten in Tokio aufgeführt. 25 Jahre später wurde Tatsushi Omoris Film dieselbe Ehre zuteil, vor allem um einer Zensur durch EIRIN, der japanischen FSK, zu entgehen.
Hanamura Mangetsu blieb viel gerühmter Außenseiter des japanischen Literaturbetriebs und schrieb neben weiteren Romanen auch die Vorlagen für zwei Teile der pink angehauchten Thriller-Reihe XX. Sein literarisches Meisterwerk ist Minazuki (1997), deutlich reifer, aber immer noch drastisch. Schon 1999 erschien die gleichnamige Verfilmung von Rokuro Mochizuki und auch diese Mischung aus Sex, Gewalt und Melancholie ist definitiv im Sinne dieses Blogs.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MENSCHENFEIND (Gaspar Noe)
HUMANITÄT (Bruno Dumont)
DOGTOOTH (Giorgos Lanthimos)
mochten.

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