AUSGEPEITSCHT (La Punition)

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Frankreich 1973
Regie: Pierre-Alain Jolivet
Vorlage: Xavière (Autobiografischer Roman)
Kamera: Bernard Daillencourt
Musik: Bookie Binkley
Darsteller: Karin Schubert, Amidou, Georges Géret, Anne Jolivet
87 min

Exploitation-Mär über die Erziehung eines Callgirls mit verkrampften Kunstanfällen.

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Das Rad der Zeit hat es nicht gut gemeint mit Pierre-Alain Jolivet. Obgleich er in der Sturm-und-Drang-Filmkunst-Phase der End-60er und Früh-70er immerhin vier Filme inszenierte, sind diese fast vergessen. Sein Landsmann Alain Robbe-Grillet, mit fast ähnlichem Namen, blieb davon verschont. Was beide verbindet, ist ein Hang zur krampfhaften Verkünstelung ihrer sadomasochistischen Leinwandergüsse. Während es Robbe-Grillet bis ins neue Jahrtausend einigermaßen erfolgreich schaffte, immer wieder neue Produzenten für seine SM-Arthouse-Geschichten zu finden, hatte es Jolivet schwerer und verschrieb sich nach dem Flop seines fünften Films HAUTE SURVEILLANCE (1981) nach Jean Genet gänzlich dem Theater. Gerne inszenierte er dort Stücke von Fernando Arrabal, der auch die Vorlage für seinen zweiten Film VÖGLEIN, VÖGLEIN AN DER WAND (1969) lieferte und auch eine kleine Gastrolle spielte.
LA PUNITION, Jolivets vierter Film, ist einer dieser typischen Früh-70er-Bastarde, die schwer kategorisierbar sind. Karin Schubert spielt Britt, ein typisches Landei-Mädel, das gerne als Luxus-Callgirl was vom Großstadtkuchen ab haben möchte. Doch leider entpuppt sich ihr Zuhälter Manuel, seines Zeichens offener Frauenhasser und Muttersöhnchen, als eher un-nett. Und da Britts Rumgeheule nach erzwungenem Geschlechtsverkehr schlecht für die Kundschaft ist, wird sie bestraft oder vielmehr zu einer willigen Sexsklavin erzogen: Sie wird nackt in einen Raum mit blankem Bettgestell gesperrt und muss dort einen Kunden nach dem anderen über sich ergehen lassen. Schließlich kann Raymond, Manuels rechte Hand, dem Trauerspiel nicht mehr zusehen und brennt mit Britt durch, will sich aber noch von seinem Chef „verabschieden“. Doch es kommt anders als erwartet, denn Britts Sklavenzimmer-Nachbarin kommt ihm zuvor und schlitzt dem bösen Manuel die Kehle auf. Britt und Raymond flüchten in ein neues Leben, werden aber trotzdem (obwohl Scheffe tot ist) von einem Killer gejagt, der schließlich – die zweite Erwartung vereitelnd – Britt und nicht Raymond erschießt. Fin.

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Das einzig Positive an diesem Film ist das Casting von Karin Schubert für die Hauptrolle. Denn die repräsentiert wirklich alles, was ich an München immer schon Scheiße fand: die pseudo-mondänen Blondinen mit Kuhscheiße unter den Hacken. Aversion hin oder her, schön ist das sicherlich nicht, was die arme Britt mitmachen muss. Aber da geht Lukas Moodyssons LILJA 4-EVER mit gleicher Thematik stärker an die Nieren, da Liljas Leidensweg gänzlich ohne „Ja, ist die denn doof?“ auskommt. Es fällt etwas schwer, selbst in Anbetracht der Post-Hippie-Entstehungszeit, Empathie für ein Dummbrot zu entwickeln, das tatsächlich so naiv ist, zu glauben, dass das Leben eines Callgirls eine einzige Halligallidrecksauparty mit gelegentlicher Apoll-Kopulation sei. Dass die gute Frau Schubert die Hälfte des Films nackt in ihrem Zimmerlein verbringt und selbst zur fehlenden Matratze wird, ist typisch für den damaligen Zeitgeist, der mit nacktem Fleisch und Arsch-Haue den Glotzenfurzer ins Kino zurück locken sollte, die obligatorischen Zooms auf Schuberts primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale ergänzen dieses Bild. Typischer Bahnhofskino-Schmu möchte man da fast sagen, aber … Jolivet scheißt wie Robbe-Grillet auf den gemeinen Masturbator. Gleich zu Beginn (Godard, ich hör dir trapsen) wird eine typische Künstler-Gähnparty mit Maschinengewehrsalven und Bombenabwurfgeräuschen unterlegt. Der Freier, der das Geheule Britts nicht ertragen kann, spricht direkt in die Kamera („Ich kann keine Sentimentalitäten ertragen“), denn der Lapdance ist eben nicht „so much better, when the stripper is crying“ (Bloodhound Gang). Der gewiefteste Kunsttrick ist, dass die Geschichte noch nicht einmal linear erzählt wird: Der Zuschauer muss sich zusammenreimen, welchem der beiden Zeitstränge er gerade folgt.
Manchmal verbrämt die Erinnerung: Ich hatte den Film schon einmal vor Jahren gesehen und bin dieser Pseudo-Kunst ganz schön auf den Leim gegangen. Beim zweiten Mal und einige Artsploitation-Erfahrungen später ist das, selbst mit Rücksicht auf die schmierigen 70er, eine ganz schön billige Art, sich vom restlichen 24-Stunden-Nonstop-Kino abzugrenzen. In Britts Sklavenzimmer gibt es ein paar Mario-Bava-Farbenspiele zu begutachten, ansonsten geizt Jolivets Stammkameramann mit innovativen Einfällen. Da lob ich mir dann doch genannten Robbe-Grillet, der in seinem Schnarch-Kino für ein Klientel, das den Begriff „Sexfilm“ immer gerne mit „erotischer Film“ verschleiert, immerhin manch durchaus glückliche Bildkomposition vom jeweiligen Kameramann bewerkstelligen lässt.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 30:70

Schulnote: 4-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
THE PUNISHMENT OF ANNE (Radley Metzger)
DIE SCHÖNE GEFANGENE (Alain Robbe-Grillet)
LILJA 4-EVER (Lukas Moodysson)
mochten.

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