ANTENNA (Antena)

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Japan 2003
Regie: Kazuyoshi Kumakiri
Vorlage: Randy Taguchi
Kamera: Takahide Shibanushi
Musik: Akainu
Darsteller: Ryo Kase, Akemi Kobayashi, Daisuke Kizaki, Megumi Asaoka
117 min

Extrem intensives Psychogramm einer trauernden Familie.

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Kazuyoshi Kumakiri meinte nach seinem dritten Film ANTENNA, dass ihm die dort gezeigte Gewalt zu ernst und verbissen geraten sei und er deshalb den nächsten Film etwas leichter angehen wolle. Aus dem Mund eines Filmemachers, der seine Karriere mit dem ultrabrutalen und kompromisslosen KICHIKU begonnen hat, will das was heißen. Und ja, der Klimax von ANTENNA kann es in seiner Intensität durchaus mit der Sexszene von NEXT DOOR (2005) oder der Schnittorgie am Ende von REQUIEM FOR A DREAM (2000) aufnehmen.
Marie, die achtjährige Tochter des Hauses Ogiwara, ist seit neun Jahren verschwunden und die ganze Familie leidet noch immer darunter. Der Vater ist gestorben, der Onkel hat sich aufgehängt und die Mutter zieht ihrem Sohn Yuya, der nach dem Verschwinden von Marie geboren wurde, Mädchensachen an und nennt ihn auch Marie. Immer wieder glaubt der Kleine mit Marie in Verbindung zu sein und muss wegen diesbezüglicher Anfälle stationär behandelt werden. Maries älterer Bruder Yuichiro ist nach dem Tod des Vaters zur Ritze geworden und sucht Hilfe bei Naomi, einer Domina, die ihm in SM-Sitzungen hilft, seine Autoaggressionen zu kanalisieren.
Klingt als Zusammenfassung nach durchgeknallter Psycho-Scheiße auf Japanisch, ist es auch irgendwie, aber eigentlich nicht. Denn ANTENNA ist von Triers ANTICHRIST (2009) näher als VISITOR Q (2001) oder einer FAMILIE MIT UMGEKEHRTEN DÜSENANTRIEB (1984). Kumakiri hat sich nach seinem rohen Erstlingsschocker zum fast psychoanalytischen Geschichtenerzähler gemausert, dem es nicht um das Erzählen einer linearen Geschichte, sondern um die Figurenentwicklung geht. ANTENNA ist nicht spekulativ, sondern eine leise, introvertiert-intensive Annäherung an Menschen, die so gar nicht dem typischen Beuge-Klischee-Japaner entsprechen. Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank hervorragend. Es wird angenehm zurückhaltend gespielt, sodass allein schon deshalb ANTENNA jedem nahegelegt werden sollte, der immer noch von dem Vorurteil besessen ist, asiatisches Kino strotze immer vor Overacting.

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Die Antennen stehen generell für die Feinfühligkeit und Fragilität der Figuren, tauchen aber auch ganz konkret auf: als Sendemast in der Nähe des Hauses, von dem schlechte Schwingungen vermutet werden, was aber von einem Medium widerlegt wird. Yuya spricht immer, wenn er von Visionen mit Marie heimgesucht wird, davon, dass seine Antennen vibrieren.
Kumakiris Erzählstruktur macht es dem Zuschauer die erste halbe Stunde nicht einfach, die Figurenkonstellationen herauszufiltern, vor allem, was Gegenwart und Vergangenheit anbelangt. ANTENNA ist nach HOLE IN THE SKY Kumakiris zweite Verfilmung eines Randy Taguchi-Romans. Um 2000 herum gab es nach Ryu Murakamis Lobeshymnen auf die Autorin kurzzeitig einen Hype um ihre esoterisch angehauchten Romane, sodass Taguchi als eine der wenigen Japanerinnen auch international ihren Durchbruch hatte.
Jedoch lässt ein Blick auf den weiteren Werdegang des Regisseurs vermuten, dass die Bestseller-Vorlage nicht so strukturiert war. Eine klassische Geschichte scheint erst mit der Einführung von Naomi in Gang zu kommen, wenn Yuichiro anfängt, sich in ihre Faustschläge zu verlieben. Sie wird dann tatsächlich zur Ersatztherapeutin oder vielmehr Katalysator für die Aufarbeitung seiner Schuldkomplexe. Yuichiro kommt nicht darüber hinweg, dass Marie verschwunden ist, während er schlafend neben ihr lag. Aber es gibt nur Mutmaßungen für das Verschwinden, Kumakiris wirkliches Thema ist die Verarbeitung: Verlustbewältigung statt Schuldzuweisung. Am Ende gibt es sogar Hoffnung. Das Leben geht weiter, die Stimmung nach dem Abspann langsam wieder hoch, doch Yuichiros Selbsterkenntnis in seiner letzten Therapie-Sitzung bleibt lange hängen.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ANTICHRIST (Lars von Trier)
SZAMANKA (Andrzej Zulawski)
TOKIO DEKADENZ (Ryu Murakami)
mochten.

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